Blutegeltherapie: Wirkung, Anwendung und was Du vor einer Behandlung wissen solltest.

Die Behandlung mit Blutegeln gehört zu den ältesten medizinischen Verfahren der Welt. Obwohl sie für viele Menschen zunächst ungewöhnlich klingt, erlebt die Blutegeltherapie seit einigen Jahrzehnten ein Comeback in der Naturheilkunde und teilweise auch in der modernen Medizin. Doch was genau passiert bei einer Behandlung mit Blutegeln, wie wirkt sie, und welche Risiken gibt es?

Was sind Blutegel?

Blutegel sind kleine Würmer aus der Familie der Egel. Für medizinische Zwecke wird vor allem der medizinische Blutegel verwendet (Hirudo medicinalis). Dieser Egel lebt in Süssgewässern und ernährt sich von Blut. Sein Speichel enthält eine Vielzahl medizinisch wirksamer Stoffe.

Für therapeutische Anwendungen werden heute ausschliesslich Blutegel aus kontrollierter Zucht verwendet. Dadurch wird sichergestellt, dass sie hygienisch und medizinisch sicher eingesetzt werden können.

Geschichte der Blutegeltherapie

Die Anwendung von Blutegeln ist bereits seit über 2.000 Jahren bekannt. Schon in der Antike wurden sie eingesetzt, etwa von Ärzten im alten Griechenland. Besonders verbreitet war die Methode im 18. und 19. Jahrhundert in Europa.

Mit der Entwicklung moderner Medikamente verlor die Therapie zunächst an Bedeutung. In den letzten Jahrzehnten wurde sie jedoch wiederentdeckt, vor allem im Bereich der Naturheilkunde, der Komplementärmedizin und der plastischen Chirurgie.

Wie wirkt die Blutegeltherapie?

Die Wirkung der Blutegeltherapie basiert nicht nur auf dem Blutverlust, sondern vor allem auf den über 100 bioaktiven Substanzen im Speichel des Blutegels.

Beim Biss gibt der Blutegel diese Stoffe direkt in das Gewebe ab.

Zu den wichtigsten Wirkstoffen gehören:

  • Hirudin – hemmt die Blutgerinnung
  • Calin – verbessert die Mikrozirkulation des Blutes, verhindert das Zusammenkleben von Blutplättchen
  • Eglin und Bdellin – wirken stark entzündungshemmend
  • Hyaluronidase – erhöht die Durchlässigkeit des Gewebes und die Durchblutung

Diese Kombination kann mehrere positive Effekte auslösen:

  • entzündungshemmende Wirkung
  • Schmerzlinderung
  • Verbesserung der Durchblutung
  • Abschwellung von Gewebe
  • Unterstützung von Heilungsprozessen

Deshalb wird die Blutegeltherapie häufig bei Beschwerden eingesetzt, bei denen Entzündungen oder Durchblutungsstörungen eine Rolle spielen.

Gerade bei chronischen Entzündungen oder Gelenkproblemen kann diese Wirkung für Patienten spürbare Erleichterung bringen.

Wann wird eine Blutegelbehandlung angewendet?

Die Blutegeltherapie wird bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt, insbesondere bei Erkrankungen des Bewegungsapparates.

Typische Anwendungsgebiete sind:

Gelenkerkrankungen

  • Kniearthrose
  • Daumensattelgelenksarthrose
  • Schulterbeschwerden

Entzündliche Erkrankungen

  • Tennisellenbogen
  • Sehnenentzündungen
  • Schleimbeutelentzündungen

Durchblutungsstörungen

  • Krampfadern
  • Hämatome (Blutergüsse)
  • venöse Stauungen

Auch in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie werden Blutegel gelegentlich eingesetzt. Dort helfen sie beispielsweise, wenn nach Operationen Blutstauungen auftreten und das Gewebe entlastet werden muss.

Wie läuft eine Blutegeltherapie ab?

Eine typische Sitzung umfasst folgende Schritte:

1. Vorbereitung

Die Haut sollte im Voraus nur mit Wasser und natürlicher Seife gereinigt werden. 24 Stunden vorher sollten keine Parfüms, Bodylotions oder Waschlotionen mehr benutzt werden. Starke Duftstoffe oder Desinfektionsmittel werden vermieden, da Blutegel empfindlich auf Gerüche reagieren. Der natürliche Körpergeruch eignet sich am besten zur Durchführung einer Therapie

Man sollte ausgeruht, mit bequemer und unempfindlicher Kleidung zum Termin erscheinen. Vor dem Ansetzen ist ein Toilettengang zu empfehlen, da die Saugphase unterschiedlich lang ist.

2. Ansetzen der Blutegel

Je nach Behandlung werden meist 2 bis 6 Blutegel auf die Haut gesetzt.

3. Der Biss

Der Biss wird häufig wie ein kurzer, leichter Nadelstich wahrgenommen. Danach sorgt der Speichel des Egels dafür, dass die Stelle leicht betäubt wird. Ein gelegentliches Brenngefühl kann auftreten und deutet darauf hin, dass der Egel seine wertvollen Stoffe vermehrt ins Blut abgibt.

4. Saugphase

Der Blutegel saugt etwa 30 bis 120 Minuten. In dieser Zeit nimmt er Blut auf und gibt gleichzeitig seine Wirkstoffe in das Gewebe ab. Selten gibt es auch längere Saugphasen, es hängt von der Kapazität des Blutegels und von Deiner Blutfülle ab.

5. Nachblutung

Nachdem der Egel von selbst abfällt, wird die Wunde noch mehrere Stunden nachbluten (meist ca. 3-24 h). Dieser Effekt ist therapeutisch gewünscht, da er die Durchblutung zusätzlich verbessert. Plane Dir am besten einen Ruhetag danach ein, um Dich um die Nachblutung kümmern zu können. Die Wunde wird verbunden und Du kannst nach Hause gehen. Es sollte genügend Verbandsmaterial Zuhause sein, damit Du beim neuen Verbinden schon gut ausgerüstet bist.

Trinke viel und ruhe Dich nach der Therapie etwas aus. Stark beanspruchende Tätigkeiten wie Sport und Stress sollten für 1-2 Tage möglichst unterlassen werden.

Risiken und Nebenwirkungen der Blutegeltherapie

Obwohl die Behandlung als relativ sicher gilt, sollten mögliche Nebenwirkungen berücksichtigt werden.

Mögliche Risiken sind:

  • lokale Hautreaktionen (Rötung, leichte Schwellung)
  • längere Nachblutung (mehr als 24 h)
  • leichte Narbenbildung
  • allergische Reaktionen

In seltenen Fällen können auch Infektionen auftreten. Die Egel werden hygienisch sauber aufgezogen und die kleine Wunde wird nachher steril abgedeckt, daher ist die Chance gering. Trotzdem sollte die Therapie nur von geschulten Therapeuten oder medizinischem Personal durchgeführt werden.

Wann sollte keine Blutegeltherapie durchgeführt werden?

Die Behandlung ist nicht geeignet für Menschen mit:

  • schweren Blutgerinnungsstörungen
  • Einnahme starker Blutverdünner
  • ausgeprägter Blutarmut
  • Immunschwäche
  • Schwangerschaft (in manchen Fällen)
  • Kürzlich durchgeführten oder geplanten Impfungen (mind. 4 Wochen Abstand)
  • Stark zehrenden Erkrankungen wie Krebs, aktive Infektionen, Burnout, etc.
  • Stark ausgeprägten Allergien, v.a. gegen die Bestandteile des Egelspeichels

Eine sorgfältige medizinische Abklärung im Vorfeld ist daher wichtig.

Was sagt die Wissenschaft zur Blutegeltherapie?

Mehrere klinische Studien haben untersucht, wie wirksam die Blutegeltherapie insbesondere bei Arthrose und Gelenkschmerzen sein kann. Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich so zusammenfassen:

  • Schnelle Schmerzreduktion: Randomisierte Studien zeigen, dass Patienten mit Kniearthrose bereits wenige Tage nach einer Blutegelbehandlung eine deutliche Verringerung der Schmerzen berichten.
  • Verbesserte Gelenkfunktion: Neben der Schmerzreduktion wurde in mehreren Studien auch eine bessere Beweglichkeit und Funktion des betroffenen Gelenks beobachtet.
  • Lang anhaltende Wirkung: Einige Untersuchungen zeigen, dass die positiven Effekte der Behandlung mehrere Wochen bis Monate anhalten können.
  • Vergleichbar oder besser als Standardtherapien: In einzelnen Studien schnitt die Blutegeltherapie im Vergleich zu gängigen Behandlungen wie entzündungshemmenden Gelen (z. B. Diclofenac) oder physikalischen Therapien gleich gut oder teilweise besser ab.
  • Moderate wissenschaftliche Evidenz: Metaanalysen kommen zu dem Schluss, dass Blutegeltherapie bei Arthrose eine wirksame ergänzende Behandlung sein kann, allerdings sind weitere hochwertige Studien sinnvoll.

Interessante Fakten über Blutegel

  • Ein Blutegel kann bis zum fünffachen seines Körpergewichts an Blut aufnehmen.
  • Nach einer Mahlzeit kann ein Egel mehrere Monate bis über ein Jahr ohne weitere Nahrung auskommen.
  • Ein medizinischer Blutegel wird nur einmal therapeutisch verwendet und danach nicht erneut eingesetzt. Das erhöht die Sicherheit der Anwendung um ein Vielfaches.
  • In der modernen Medizin sind Blutegel sogar offiziell als medizinisches Produkt zugelassen.

Fazit

Die Blutegeltherapie ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie traditionelle Heilmethoden und moderne Medizin zusammenfinden können. Durch die biologisch aktiven Substanzen im Egelspeichel kann die Therapie bei bestimmten Beschwerden entzündungshemmend, schmerzlindernd und durchblutungsfördernd wirken.

Literaturverzeichnis

Bischoff, A., & Wolff, K. (2013). Blutegeltherapie: Ein Handbuch für die Praxis. Stuttgart: Karl F. Haug Verlag.

Michalsen, A., & Dobos, G. (2019). Naturheilverfahren – Leitfaden für die ärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung. 6. Auflage. Stuttgart: Elsevier.

Sig, A. K., Guney, M., Uskudar Guclu, A., & Ozmen, E. (2017). Medicinal leech therapy—An overall perspective. Integrative Medicine Research, 6(4), 337–343.

Whitaker, I. S., Rao, J., Izadi, D., & Butler, P. E. (2004). Historical Article: Hirudo medicinalis – Ancient origins of, and trends in the use of medicinal leeches throughout history. British Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, 42(2), 133–137.

Eldor, A., & Orevi, M. (1996). The role of the leech in medical therapeutics. Blood Reviews, 10(4), 201–209.

Kraemer, B. A., & Michalsen, A. (2008). Blutegeltherapie bei Arthrose. Zeitschrift für Phytotherapie, 29(6), 265–270.


Onlinequellen

National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH).
Complementary, Alternative, or Integrative Health: An Overview.
https://www.nccih.nih.gov

U.S. Food and Drug Administration (FDA).
Medical Leeches (Hirudo medicinalis) – Medical Device Classification.
https://www.fda.gov

Deutsche Gesellschaft für Naturheilkunde.
Informationen zur Blutegeltherapie.
https://www.naturheilkunde.de

Die folgenden Bücher, Studien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen bilden die Grundlage der Informationen in diesem Artikel.


Medizinische Fachliteratur

Bischoff, A., & Wolff, K. (2013).
Blutegeltherapie: Ein Handbuch für die Praxis.
Stuttgart: Karl F. Haug Verlag.

Michalsen, A., & Dobos, G. (2019).
Naturheilverfahren – Leitfaden für die ärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung.
Elsevier Verlag.

Eldor, A., & Orevi, M. (1996).
The role of the leech in medical therapeutics.
Blood Reviews, 10(4), 201–209.

Sig, A. K., Guney, M., Uskudar Guclu, A., & Ozmen, E. (2017).
Medicinal leech therapy—An overall perspective.
Integrative Medicine Research, 6(4), 337–343.

Whitaker, I. S., Rao, J., Izadi, D., & Butler, P. E. (2004).
Hirudo medicinalis: Ancient origins of medicinal leech therapy.
British Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, 42(2), 133–137.


🧪 Klinische Studien zur Blutegeltherapie bei Arthrose

Randomisierte kontrollierte Studien (RCT)

Michalsen, A. et al. (2003)
Effectiveness of leech therapy in osteoarthritis of the knee: A randomized controlled trial.
Annals of Internal Medicine.

  • 51 Patienten mit Kniearthrose
  • Behandlung mit 4–6 Blutegeln vs. Diclofenac-Gel
  • Deutliche Schmerzreduktion nach 7 Tagen zugunsten der Blutegeltherapie

Stange, R. et al. (2012)
Randomised controlled trial with medical leeches for osteoarthritis of the knee.
Complementary Therapies in Medicine.

  • Vergleich Blutegeltherapie vs. TENS
  • Signifikante Verbesserung von Schmerz und Funktion bei den behandelten Patienten

Andereya, S. et al. (2008)
Assessment of leech therapy for knee osteoarthritis: A randomized study.
Acta Orthopaedica.

  • 113 Patienten mit Kniearthrose
  • Verbesserungen in Schmerz, Funktion und Medikamentenbedarf
  • Wiederholte Behandlung zeigte stärkere Effekte

Weitere klinische Forschung

Michalsen, A. et al. (2008)
Effectiveness of leech therapy in women with symptomatic arthrosis of the first carpometacarpal joint.
Pain.

Untersuchung zur Daumensattelgelenksarthrose, die ebenfalls eine deutliche Schmerzreduktion zeigte.


Isik, M. et al. (2017)
Comparison of the effectiveness of medicinal leech and TENS therapy in knee osteoarthritis.
Zeitschrift für Rheumatologie.

  • 90 Patienten
  • Blutegeltherapie zeigte vergleichbare Wirksamkeit zu TENS bei Schmerzreduktion

Metaanalyse

Wang, H. et al. (2018)
The efficacy and safety of medical leech therapy for osteoarthritis of the knee: A meta-analysis of randomized controlled trials.
International Journal of Surgery.

  • Analyse mehrerer RCTs
  • Signifikante Verbesserung von Schmerz und Funktion bei Kniearthrose
  • Evidenzqualität insgesamt moderat

Pilotstudien

Michalsen, A. et al. (2001/2002)
Pilot study on leech therapy for knee osteoarthritis.

  • Erste klinische Hinweise auf rasche Schmerzreduktion nach einmaliger Behandlung

Weitere Informationsquellen

  • National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH)
  • U.S. Food and Drug Administration (FDA) – medizinische Blutegel als Medizinprodukt
  • Deutsche Gesellschaft für Naturheilkunde

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