– Wie Zahngesundheit den ganzen Körper beeinflusst

Der Besuch beim Zahnarzt ist für viele mehr ein Pflichtbesuch als eine Freude. Erfahre, warum eine regelmässige Kontrolle trotzdem so wichtig ist, was Du für gesunde Zähne tun kannst und welche Auswirkungen die Mundgesundheit auf unser Allgemeinbefinden hat.
Der Mund ist die Eintrittspforte für unser Essen, aber auch ungewollte Keime können sich darin verirren. Da es über Blut-/Venen- und Lymphgefässe mit dem gesamten Kopf, also auch mit der Nase und dem Gehirn verbunden ist, ist eine intakte Barriere und Immunabwehr wichtig.
Der Speichel enthält Lysozym und andere antibakterielle Bestandteile zur Abwehr. Auch das Immunsystem ist direkt vor Ort und kann reagieren, wenn sich ungewünschte Gäste einnisten wollen.
Welche Relevanz haben regelmässige Reinigung und Zahnseide bei all diesen Schutzvorrichtungen unseres Körpers?
Wie in allen Situationen in der Umwelt, bei der Flüssigkeit und Hartsubstanz lange aufeinandertreffen, kann sich auch im Mund ein Biofilm bilden. Dieser besteht unter anderem aus Bakterien und hat eine schleimartige Konsistenz. Wird der Biofilm grösser, können sich an seiner Oberfläche sauerstoffliebende (aerobe) Bakterien tummeln, während im Zentrum sauerstoffmeidende (anaerobe) Bakterien leben. Dieser Biofilm kann heruntergeschluckt werden und bei unzureichender Desinfizierung durch die Magensäure in den Darm gelangen, wo er das Mikrobiom stört. Eine regelmässige Zahnpflege entfernt diese Biofilme, bevor sie eine Grösse erreichen, in der sich anaerobe Bakterien einlagern können. Zahnseide erreicht dabei auch Biofilme, die sich in den Zahnzwischenräumen ablagern können.
Ein gesundes Mundmilieu ist der beste Schutz, damit schlechte Keime in Schach gehalten werden. Ein paar Dinge verträgt unser Mundmikrobiom gar nicht gut. Das sind Stress und Säure.
Während Stresssituationen wird weniger Speichel freigesetzt und der enthaltene Speichel hat eine andere Zusammensetzung. Die Entzündungsreaktion wird hochgefahren und es kommt zu einer Schwächung der Barrierefunktion.
Säure ist in vielen Süssgetränken enthalten, aber auch in Fruchtsäften und Smoothies. Viele anaerobe Keime sind säurebildend, unter anderem auch die sonst so gesunden Laktobazillen. Anaerobe Keime sollten also nie im Überfluss vorhanden sein. Bulimie und Magensäurereflux (saures Aufstossen) führt ebenfalls zu einem zu sauren Milieu im Mund. Dadurch wird die Zahnhartsubstanz angegriffen und das darunterliegende gelbliche Dentin langsam sichtbar. Auch Zähneknirschen führt zu einem Verlust der Hartsubstanz und bereitet den Weg für den Eintritt von Keimen.
Allgemein unterscheidet sich das Milieu im Mund enorm vom Milieu im Magen. Der Mund schwankt zwischen einem leicht basischen oder leicht sauren pH-Wert. In der Mundhöhle sollten vorwiegend aerobe Bakterien zu finden sein, also sauerstoffliebende Bakterien. Kommt es zu Defekten der Mundschleimhaut, können sich nicht sauerstoffliebende Bakterien in den Zahnfleischtaschen zwischen dem Zahn und dem Zahnfleisch ansiedeln. Wenn die Strukturdefekte gross genug sind, können die Bakterien oder Bestandteile davon (LPS) von dort aus über die Blut- und Lymphbahnen in den Körperkreislauf gelangen und systemische Entzündungen auslösen.
Bei vielen Krankheiten werden typische Mundkeime als Mitauslöser in Erwägung gezogen. Bei Diabetes, rheumatoider Arthritis, kardiovaskulären Erkrankungen und Alzheimer liegen schon aussagekräftige Studien dazu vor. Zahnprobleme wie Parodontitis und Störfelder im Mundraum wie Metalle und Plastik (Retainer) sind also nicht zu unterschätzen.
Ein Keim, der hier besonders oft Probleme macht, hat den klingenden Namen Porphyromonas gingivalis. Er besitzt ein Enzym, das die sogenannte Citrullinierung auslöst. Dabei wird eine Seitenkette der Aminosäure Arginin in Citrullin umgewandelt. Dadurch verändert sich die Struktur und Ladung des jeweiligen Proteins, in welches das Arginin eingebaut ist.
Citrullinierung findet natürlicherweise im Körper statt. Unter entzündlichen Umständen wird das Enzym aber hochgefahren und die grosse Masse von veränderten Proteinen im System ruft das Immunsystem auf den Plan. Es entstehen Immunreaktionen gegen eigene Zellen, sogenannte Autoantikörper. Diese Autoimmunreaktionen können beispielsweise bei rheumatoider Arthritis nachgewiesen werden. Porphyromonas gingivalis kann diese Autoimmunreaktionen durch sein eigenes Citrullinierungsenzym beeinflussen.
Die Mundflora mit einer intakten Barriere, stabilen Abwehrmechanismen durch gesunde pH-Level und biofilmfreien Zähnen kann eine wichtige Stellschraube sein für Deine Darmgesundheit und Dein Immunsystem.
Zur Prävention ist regelmässiges Zähneputzen und Nutzung der Zahnseide entscheidend. Blutende Stellen sollten täglich behandelt werden und nach einer Woche ohne Linderung einer Fachperson gezeigt werden. Allgemein lohnt sich eine jährliche Kontrolle beim Zahnarzt. Dieser kann Dir sagen, ob Deine Mundschleimhaut und Zähne gesund sind oder ob Handlungsbedarf besteht.
Du siehst, ein genauer Blick in den Spiegel lohnt sich. Deine Zähne sollten weisslich und nicht abgeflacht sein, deine Schleimhaut blassrosa, die Zunge rosa und ohne Belag mit höchstens schwach vorhandenem Mundgeruch.
Mit den Mikronährstoffen Vitamin D und K, mit Mineralstoffen und Aminosäuren kannst Du einen gesunden Speichel und Zahnaufbau unterstützen. Reizstoffe wie Nikotin, Säuren, Stress und zu viel Zucker darfst Du für eine gesunde Flora minimieren.
Bei akuten Beschwerden kann man mit Colostrum, Lactoferrin und Kokosölziehen arbeiten, auch spezifische Probiotikagabe kann man je nach Ausgangslage erwägen.
Jetzt weisst Du, warum Deine Zahnpflege Dein Gehirn, Deinen Darm und Deine Abwehrkräfte schützt. Damit Du auch weiterhin mit einem strahlenden Lächeln und einem gesunden Körper durch die Welt gehen kannst.
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